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Gebrauchsanweisung: „Absturz mit Ende“ und was Du tun musst, um das zu verhindern

  • Was schlimmstenfalls passieren kann, wenn Du keine Veränderung in Dein Leben lässt
  • Warum deine Persönlichkeitsentwicklung stagniert, wenn Du keine Hilfe annimmst
  • Wie Stillstand schmerzhafter sein kann, als die Veränderung anzugehen


Der Anfang einer kräftezehrenden Reise

Als 2017 meine Kollegin kündigte, war gerade noch genug Zeit mich in ein neues Projektes einzuarbeiten. Da saß ich nun, mutterseelenallein. Nun gut, als Handlungstyp überlegte ich kurz, krempelte die Ärmel hoch und startete. Meine Aufgabe war, Langzeitarbeitslose die nun wieder in Arbeit waren, mindestens ein Jahr lang zu begleiten und gemeinschaftlich sämtliche Steine die auf dem Weg lagen, miteinander auf die Seite zu räumen. Eine spannende Aufgabe. Ich war viel im Außendienst, führte Arbeitgebergespräche und coachte die Teilnehmer auf der Arbeit, an neutralen Plätzen oder auch zu Hause. Ich kümmerte mich um gesundheitliche sowie finanzielle Belange und was sonst noch so anlag.

Dann, eines Tages, eine Neuzuweisung. Ein junger Mann Anfang dreißig kam zu mir ins Büro. Er arbeitete für eine Firma die Baustellen und Straßen absicherte. Wir haben uns gleich zu Anfang gut verstanden und hatten ein sehr offenes und vertrautes Gespräch. Sein Arbeitgeber war ein cooler Typ und kommunikativ waren wir sofort auf Augenhöhe. Die optimale Voraussetzung für eine zukünftige erfolgreiche Zusammenarbeit war gegeben und das von allen Seiten. Doch für meinen Coachee und mich startete nun ein sehr kräftezehrender Weg.


Die Krankheit beherrschte den Alltag

 

Der junge Mann war psychisch sehr instabil, seine Gesprächstherapie hatte er aufgrund der Vollzeit-Arbeitsstelle erst einmal eingestellt. Wie es sich herausstellte, hatte er schon viele Gesprächstherapien, eine diagnostizierte Borderline-Persönlichkeitsstörung und Diabetes mellitus – natürlich Typ 1, sowie einen Suizidversuch hinter sich. Das volle Paket – für beide Seiten.  

Mit der Zeit wurde sein Zustand zunehmend schlechter und es folgten vermehrte Krankenhausaufenthalte. Bald war er fast jeden Monat für einige Tage im Krankenhaus, völlig außer Gefecht gesetzt. Er musste sich übelst erbrechen, konnte keinerlei Nahrung mehr zu sich nehmen, wurde extrem schwach und die Blutzuckerwerte schossen in die Höhe. Zum ersten Mal in meinem Leben, wurde ich mit ignorantem Ärzteverhalten sowie genervtem Pflegepersonal konfrontiert. Einmal wurde ich so wütend, dass ich einem Arzt sagte, wenn er nicht gleich irgendwelche Maßnahmen ergreift, werde ich den Mann in mein Auto packen und in ein anderes Krankenhaus fahren. Allerdings war mein Klient so geschwächt, das an einen Transport gar nicht zu denken war. Der Arzt kam zu mir, grinste mich blöd an und fragte mit einem erhabenen Unterton, ob ich den Mann immer noch fahren wollte. Natürlich sagte ich „Nein“. Doch die Untersuchungen wurden gemacht, wenigstens ein Teilerfolg. Das Essen stellten sie ihm nach wie vor regelmäßig vor die Nase, obwohl er gar nicht essen konnte. Die Astronautenkost mussten wir uns erbetteln. Mein Klient wurde entlassen, jedoch ohne Diagnose.


Die regelmäßigen Phasen des „Aufpäppelns“

 

Es folgten Besuche beim Diabetologen und vorbeugende Maßnahmen bis … zum nächsten Schub. Was das alles zusätzlich und ganz erheblich erschwerte, war die Uneinsichtigkeit meines Klienten. Unregelmäßiges oder gar kein Essen, das falsche Essen, Fressattacken, ständig erhöhte Blutzuckerwerte. Der katastrophale Umgang mit seinem Diabetes Typ 1 machte mich wahnsinnig. Ich konnte es mir leisten, regelmäßig meinen erhöhten „Vertrauensbonus“ beim ihm einzusetzen. Einmal sanft, einmal hart – egal wie – er war dann schon einsichtig, jedoch änderte er nichts.

Natürlich war er während dieser Phasen arbeitsunfähig. Eines Tages sagte sein Arbeitgeber, er solle sich ab sofort nur noch um seine Gesundheit kümmern, arbeitsunfähig schreiben lassen und sich keine Gedanken um die Arbeit machen. Hiermit wurde schon einmal viel Druck heraus gelassen. Eine Gesprächstherapie im ansässigen Krankenhaus lehnte er ab, glücklich war ich nicht darüber, konnte ich jedoch verstehen. In 15 Minuten kann nicht sehr viel geredet werden. Zudem waren wir auf dem platten Land, wo jeder irgendwie jeden kennt und die Kommunikation im Krankenhaus natürlich auch rund läuft. Er war halt nur der langhaarige Kiffer. Auch wenn ich ihn jetzt begleitete und sagte, dass ich sein Coach bin, wurde ich nonverbal mit Missachtung belohnt.

Als ich einmal von einem geschäftlichen Auftrag zurückkehrte, schließlich war ich nicht 7/24 im Dienst, lag er auf der Intensivstation. Ein Blick genügte und ich sah, dass er eine Depression hatte. Ich kenne diesen Blick, denn ich bin damit aufgewachsen von klein auf. Meine Mutter litt bzw. leidet heute immer noch darunter. Ich sprach dies auch aus gegenüber den Krankenschwestern und die Antwort war: „Ja, das haben wir auch schon vermutet“.


Betreuung statt Coaching

 

Meinen Klienten coachte ich schon lange nicht mehr, denn als professioneller Coach konnte ich in diesem Fall keine Verantwortung übernehmen. Da er sich nach wie vor weigerte eine Gesprächstherapie zu starten, konnte ich ihn somit nur betreuen und in allen Lebenslagen unterstützen. Dies geschah in Form von Gesprächen mit sämtlichen Institutionen und die Erledigung von Papierkram. Das Krankenhaus-Abenteuer ging also weiter. Einmal telefonierte ich mit seiner Mutter und informierte sie, dass ihr Sohn im Krankenhaus ist. Sie weinte leise am Telefon und bedankte sich. Besucht hat sie ihn nicht. Auch nicht zu den folgenden Krankenhausaufenthalten. Einmal, als er sich selbst über das Wochenende einlieferte, besuchte ich ihn sofort danach. Er lag mit seinem T-Shirt und seinen Jeans, so wie er Samstags ins Krankenhaus kam, Montags noch im Bett. Ich bat ihn um seinen Schlüssel, damit ich ihm frische Kleidung besorgen konnte. Er schämte sich und sagte: „Es sieht schrecklich bei mir zu Hause aus, ich will nicht, das Du das siehst“. Daraufhin sagte ich: „Seit Wochen wühle ich in den Tiefen Deines Lebens, dann werde ich das hier auch überstehen“. Danach holte ich seine Klamotten.


Den Überblick haben und einen kühlen Kopf bewahren

 

Es war wieder einer der einsamen Krankenhausaufenthalte für ihn. Die einzige, die ihn besuchte, stärkte und beschwichtigte, war ich, jedes Mal nur ich. Wenn ich ihn zu Hause besuchte, während seiner guten Phasen, waren Freunde da. Lag er im Krankenhaus, war niemand da, außer mir. Ich kümmerte mich um sämtliche Belange in seinem Leben, denn dies war meine Aufgabe im Projekt. Gestartet von Gesprächen und Telefonaten mit der GEZ wegen nicht bezahlter Gebühren. Schreiben an die Krankenkasse bezüglich Befreiung von Medikamentenzuzahlung, offenen Gebühren wegen ärztlicher Behandlungen und einem Krankenhausaufenthalt. Gespräche mit dem Arbeitgeber und die Begleitung zum Diabetologen. Überprüfung der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen, die mehrfach falsch ausgestellt wurden und einmal dazu führten, dass mein Klient aus nach über 6 Wochen Krankenstand herausfiel und der Arbeitgeber finanziell wieder eintreten musste. Ständig musste ich meinen Kopf komplett beisammen haben, weil um mich herum so viele Fehler passierten, die horrende Auswirkungen hatten. Zudem hatte ich schließlich mehrere Klienten, die betreut werden mussten.


Und der „Coach“ ist auch nur ein „Mensch“

 

Und dann, hatte ich ja auch noch ein Privatleben und hier passierte zusätzlich auch noch etwas Einschneidendes. Nach 23 Jahren trennte ich mich von meinem Mann und war jetzt auf der Suche nach einer Wohnung mit meinen beiden Hunden. Ich hinterließ ein gemeinsam abbezahltes Häuschen mit Garten und startete komplett neu.

Heute frage ich mich manchmal, wie ich das alles geschafft habe. Ich habe wohl eine stark ausgeprägte Resilienz.

Mein damaliger Chef und auch meine Kollegen meinten zu jeder Zeit: „Du machst zu viel“. Das wusste ich selbst, doch was konnte ich tun? Mir war vollkommen klar, wenn ich hier nicht alles gab, würde dieser Mann sterben, so wie er lebte. Diese Verantwortung konnte und wollte ich nicht übernehmen.

Somit nahm ich selbst Coachings in Anspruch für meine Stabilisation. Ich machte mehrere kollegiale Fallberatungen. Ich suchte nach Lösungen, wie etwa einen gesetzlichen Betreuer für meinen Klienten. Ich holte mir Rat und Hilfe, doch es fruchtete nichts. Eine 24-Stunden-Betreuung in Form einer Wohngruppe wäre ein Versuch gewesen, doch das hilft alles nichts, wenn der Klient nicht mitspielt.


Entlastung in Sicht!

 

Nach dem ganzen Stress dann ein Lichtblick, die Krankenkasse genehmigte meinem Klienten einen zweiwöchigen Aufenthalt in einer Fachklinik für Diabetes und ich hatte einmal Zeit zum Durchatmen. Voller Mut, gut eingestellt und absolut positiv kehrte mein Klient von diesem Aufenthalt zurück. Sogar mit einer Diagnose für die Krankheit, die ihn jeden Monat in die Knie zwang: Zyklisches Erbrechen. Es gab einen sehr aufmerksamen Psychologen in der Klinik, der sich sehr engagierte. Endlich einmal… Ich wurde sogar zum Abschlussgespräch in die Klinik gebeten und der Psychologe hat mich im Beisein meines Klienten aufgeklärt. Er sagte auch, wie wichtig meine Arbeit ist und das ich sehr viel Gutes für meinen Klienten leiste und ich dessen absolutes Vertrauen genieße. Endlich einmal eine Sichtweise, die mich bestätigte, auch wenn ich „zuviel“ mache.  

Zurück zu Hause angekommen, hielt der Zustand leider nicht lange. In der alten Umgebung verfiel mein Klient schnell wieder dem alten Muster. Von ärztlicher Seite wusste ich, dass er irgendwann ein Trauma erlitten hatte. Solange er dies jedoch nicht aufarbeiten wollte, war die Aussicht auf Genesung gering. Auf Gedeih und Verderb wollte er einfach keine Veränderung in sein Leben bringen. Einmal kam ich gerade nach Hause und entdeckte in seinem WhatsApp Status das Bild von einem kleinen Hund, dazu stand in einer Sprechblase: „Mach Dir keine Sorgen um mich, ich werde schon zurechtkommen“. Sofort rief ich ihn an und fragte was los ist. Wieder einen Schub. Ich packte meine Hunde ins Auto und fuhr sofort zu ihm. Sein Zustand war katastrophal. Ich verständigte einen Krankenwagen, der ihn sofort ins Krankenhaus brachte. Später fragte ich ihn, was wohl passiert wäre, wenn ich nicht so reagiert hätte. Er sagte nur: „Dann wäre ich elendig verreckt“.


Wie in einem falschen Film

 

Als ich ihn am Folgetag besuchte, war er immer noch auf der Wachstation. Im Krankenzimmer sowie auf dem Bett, lagen überall kleine Tupfer die mit Blut verschmiert waren. Ich räumte erst einmal auf und feuerte insgesamt 13 der Tupfer in den Mülleimer. Eine Schwester kam irgendwann herein, nonverbal so einladend, dass ich ihr am liebsten eine in die Fresse gegeben hätte und kontrollierte den Blutzucker. „Über 400… Warum spritzen Sie sich nicht“? Weil er es vielleicht nicht kann, erwiderte ich und ich musste mich wirklich sehr zusammen reißen. Immer wieder das gleiche Spiel in diesem Krankenhaus. Mich kotzte es einfach nur noch an.

Dann immer wieder die gleichen Probleme. Die Krankenkasse zahlte das Krankengeld sehr unregelmäßig. Daraufhin meldete sich der Vermieter, wo die Miete bleibt. Das Geld war knapp für die erforderlichen Medikamente. Es war ein Teufelskreis, der die Existenzängste meines Klienten zusätzlich zur Krankheit sehr belastete.


Die Projekt-Rettung und weitere Betreuung

 

Als die Kündigung von seinem Arbeitgeber kam, bedeutete das das Aus für unsere Zusammenarbeit. Das Projekt war ja so aufgebaut, dass ein Coach den Arbeitnehmer und Coachee begleitet, da es sich um ein gefördertes Projekt handelte und eine Kündigung bedeutete den sofortigen Abbruch der Kooperation.

Gemeinschaftlich mit dem Akquisiteur des Jobcenters machten wir dem Arbeitgeber klar, wie ernsthaft die Situation ist und wenn ich als Coach jetzt an seiner Seite wegfalle, würde mein Klient komplett abstürzen. Der Arbeitgeber verstand die Situation und zog die Kündigung zurück. Der Akquisiteur wusste meinen Arbeitseinsatz sehr zu schätzen.

Inzwischen war mein „Vertrauensbonus“ so hoch, dass mein Klient auch keine Hilfe mehr von seiner Mutter annahm, die nun ab und zu auftauchte um ihn mehr zu unterstützen.


Blut ist dicker als Wasser

 

Mit der Zeit, war ich der Frau natürlich ein Dorn im Auge. Gut war allerdings, dass sie jetzt endlich Verantwortung übernahm und „live“ mitbekam, was so läuft und ich wurde entlastet. Sie schaffte es dann doch irgendwann ihren Sohn davon zu überzeugen, seinen Arbeitgeber zu verklagen, da dieser verlangt hatte, dass mein Klient auf seinen kompletten Urlaub verzichten soll. Im Gegenzug hatte er dafür die Kündigung zurückgezogen. Mit Engelszungen versuchte ich der Frau klar zu machen was das bedeutete. Als das nicht wirkte wurde mein Ton rauer. Sie hörte nicht, mein Klient hörte nicht mehr, denn Blut ist ja bekanntlich dicker als Wasser und es kam wie es kommen musste. Er klagte und gewann auch noch. Somit war auch verständlich, was daraufhin folgen musste: Die endgültige Kündigung. Das Abschlussgespräch führte mein Chef. Er nahm mich aus der Schusslinie, da er wusste, was ich alles geleistet hatte.


Und am Ende waren nur noch lila Luftballons…

 

10 Wochen später war mein Klient tot. Er starb einsam und allein in seiner Wohnung während eines Schubes. Nähere Details lasse ich aus, es genügt, wenn ich die grausigen Bilder in meinem Kopf habe.

Der Zeitpunkt und der Ort der Beerdigung wurden geheim gehalten. Ich habe es trotzdem herausgefunden und bin hingegangen. Ich habe seine Mutter umarmt und ihr gesagt wie leid es mir tut. Die Beerdigung selbst war eine der schönsten die ich je miterlebt habe. Niemals hätte ich gedacht, dass ich so etwas einmal sage, geschweige schreibe. Es waren viele Menschen da in diesem wunderschönen Ruheforst. Die ganze Familie war vor Ort und viele Freunde. Von den Erzählungen meines Klienten her, konnte ich alle Familienmitglieder zuordnen und wusste sehr viel Persönliches über jeden einzelnen. Schon ein eigenartiges Gefühl, soviel über Menschen zu wissen ohne sie jemals vorher gesehen zu haben.

Seine Schwestern haben sehr ergreifende Reden gehalten. Es waren wunderschöne Bilder und Andenken aufgebaut worden. Passende Musik unterstrich die Zeremonie.

Zum Schluss sind wir alle auf die Wiese gegangen und haben lilafarbige Luftballons steigen lassen, denn lila war seine Lieblingsfarbe.

 

Mein Tipp: Auch wenn es Dir noch so schwer fällt, gehe die Veränderung an! Suche das Gespräch, rede über Deine Ängste und Sorgen und nimm Hilfe in Anspruch. Unbearbeitete Lebensthemen rauben Kraft und Energie und machen Dich krank. Du selbst hast es in der Hand, sei VERÄNDERUNGSMUTig!








14. 11. 2020 | Claudia Spengler

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